Oldenburg

Dicke Luft auf 300 Metern am Heiligengeistwall

Dieselfahrzeuge könnten für die extreme Luftbelastung am Heiligengeistwall verantwortlich sein.

Dieselfahrzeuge könnten für die extreme Luftbelastung am Heiligengeistwall verantwortlich sein.
Foto: Anja Michaeli

Oldenburg (zb) Auf 300 Metern herrscht in Oldenburg richtig dicke Luft. Es handelt sich um die Straße Heiligengeistwall. Seit 2012 steht dort auf Höhe des ehemaligen Wallkinos ein Messgerät, das exakte Auskünfte über die Luftqualität an dieser Stelle gibt. Dort wird der Grenzwert für NO2, also für Stickstoffdioxid, überschritten. Wobei die Tendenz leicht nach unten geht. Warum die Luft hier so außergewöhnlich schlecht ist, versuchen Experten seit drei Jahren zu ergründen.

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„Bislang können wir nur Vermutungen anstellen“, sagt Robert Sprenger, Fachdienstleiter für Naturschutz und technischen Umweltschutz bei der Stadt Oldenburg. Die EU-Richtlinie regelt Grenzwerte für Luftqualität innerhalb Europas zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt. Es geht darum, den Ausstoß von Schadstoffen an der Quelle zu bekämpfen und die effizientesten Maßnahmen zur Emissionsminderung zu ermitteln und anzuwenden.

Im Rahmen eines Screening-Verfahrens stellte sich heraus, dass im gesamten Stadtgebiet die besagte Stelle besonders brisant ist. „Wir haben das ganze Stadtgebiet nach bestimmten Kriterien wie Verkehrsbelastung, meteorologische Einflüsse und sonstige Schadstoffausstöße wie Heizanlagen untersucht“, berichtet Sprenger. „Nirgends sonst wurden wie am Heiligengeistwall 54 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (μg/m³) gemessen und genau dort, wo der schlechteste Wert ist, muss das Gerät aufgestellt werden. Der Grenzwert liegt übrigens bei 40 μg/m³.“

Immerhin passieren hier täglich 1000 Busse und rund 11.000 Autos die Messstation. Bis 2011 stand die Station an der Nadorster Straße, wo zwar viel mehr Fahrzeuge fahren, der durchschnittliche Messwert mit 38 aber deutlich besser war. Seit 2012 steht die Messstation am Heiligengeistwall. Dort wurden erheblich höhere Durchschnittswerte ermittelt. 2012 lag er bei 49 μg/m³, 2013 und 2014 bei 54 μg/m³. „Wir haben es hier nicht mit einer Straßenschlucht zu tun, wo ungünstige Winde nicht verblasen und sich Schadstoffe sammeln können. Es gibt auch keine Heizanlagen in der Umgebung, die diese Werte verursachen könnten“, berichtet Sprenger.

All die Jahre arbeitet er eng mit der Gewerbeaufsicht in Hildesheim zusammen. „Da sitzen die Fachleute, die sich mit derartigen Phänomenen befassen. Aber sie wissen bislang auch nicht sicher, was die Ursache sein könnte“, berichtet er. „Fakt ist, dass die Werte morgens und nachmittags hoch sind und während der Mittagszeit heruntergehen. Das deute auf den Autoverkehr hin und speziell auf Dieselfahrzeuge“, sagt Sprenger. Die erfreuen sich großer Beliebtheit, obwohl aus ihren Auspuffen gefährliche Stickstoffdioxide austreten, die genau das verursachen, was die Messstation wahrnimmt.

Immerhin kommen auf 160.000 Oldenburger 90.000 Fahrzeuge, von denen die Hälfte mit einem Dieselmotor ausgestattet ist. Ihre Abgastechniken bieten zwar einen guten Schutz gegen Feinstaub aber nicht gegen NO2. Und eine Umrüstung ist technisch derzeit nicht möglich. Besserung ist erst mit Einführung der neuen Abgasnorm Euro 6 in Sicht, die zu Beginn dieses Jahres eingeführt wurde. Doch bis die alten Fahrzeuge gegen moderne ausgetauscht sind, dürften Jahre vergehen.

Oldenburg ist nicht die einzige Stadt, die gegen die EU-Richtlinie verstößt. Zahlreiche Städte wie Hannover (54 μg/m³), Osnabrück (48 μg/m³) oder Hildesheim (42 μg/m³) haben 2014 ebenso wie Stuttgart mit 89 μg/m³ oder München mit 83 μg/m³ an bestimmten Stellen den Grenzwert überschritten und das gleiche Problem wie die Huntestadt. Sie alle müssen sich auf Strafzahlungen einstellen. „Die können bei bis zu 50.000 Euro pro Tag und Überschreitung liegen“, macht Sprenger das Ausmaß des Problems klar.

„Dabei können wir es als Stadt nicht selbst lösen“, sagt er weiter. „Würden wir den Verkehr anders lenken, hätten wir am Heiligengeistwall sauberere Zustände, das Problem jedoch verlagert.“ Bliebe am Ende nur die Einführung von Umweltzonen. Würden nur noch Fahrzeuge mit Abgasnorm Euro 6 in die Innenstadt gelassen, wäre die ziemlich leer.

2005 hatten Großstädter wegen verdreckter Luft Umweltzonen eingeklagt. Dieses Szenario könnte sich wiederholen. In einigen Städten ist das bereits der Fall. Die Kläger verlangen die blaue Umweltplakette für NO2. Immerhin, so schätzen Experten, sterben in Deutschland jedes Jahr 60.000 Menschen aufgrund von Luftverschmutzung. Europaweit sollen es 380.000 sein.

Derweil werden unvermindert Diesel-Fahrzeuge verkauft, die höchstwahrscheinlich auch in Oldenburg maßgeblich für die schlechte Luftqualität an der Messstelle verantwortlich sind. Dabei fahren die Diesel-Fahrzeuge überall herum – auch an der Nadorster Straße, wo das Messgerät 2011 lediglich 38 μg/m³ gemessen hat. Das wiederum könnte mit der besonderen verkehrlichen Situation am Heiligengeistwall zusammenhängen.

Denn unmittelbar nach der Messstation befindet sich eine Fußgängerampel mit langen Grünzeiten, weil an dieser Stelle die höchste Querungszahl von Fußgängern im Stadtgebiet zu verzeichnen ist. Damit sie alle die andere Straßenseite gefahrlos erreichen, ist die Grünphase länger. Zudem ist das Straßenstück nach der Überquerung bis zur Kreuzung Lappan sehr kurz, so dass dort ohnehin nur begrenzt Autos vor der roten Ampel stehen können. Mit anderen Worten, hier stehen die Fahrzeuge relativ oft auf der Stelle und stoßen das hochgiftige NO2 aus zum Leidwesen der Stadt, die sich vermutlich auf schmerzliche Konsequenzen einstellen muss, weil auch im laufenden Jahr keine gravierende Besserung eingetreten ist. Aufgrund der bisherigen Messungen liegt der Mittelwert bislang bei 51 μg/m³.

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5 Kommentare

  1. charlymod
    14. August 2015 um 20.20 — Antworten

    Ja, so ist es eben wenn man jahrelang an Stellschrauben (grüne Plakette) dreht, die nicht nennenswert zur Umweltverschmutzung beitragen. Das Ergebnis war vorhersagbar. Warten wir jetzt auf Euro 6 und drangsalieren den Bürger weiter mit unsinnigen Entscheidungen oder packen das Problem an der Wurzel. Ich vermute das da kein Verantwortlicher richtig Traute hat. Für diesen Fall schlage ich vor, die Messstation an einen anderen Ort zu verlegen (z.B. Bornhorster Wiesen). Das ist zwar vollkommen nutzlos genauso wie die grüne Plakette, aber die Messwerte schauen sich einfach besser an.

    • Michael Reins
      28. August 2015 um 9.08 — Antworten

      @ charlymod

      Was denn nun diese Messstelle angeht, steht sie tatsächlich an einem Platz, wo es keinen Sinn macht – oder messen Sie die Durchschnittstemperatur in ihrer Küche im heißen Backofen?
      Was die Grünen Stellschrauben angehen, haben sie vollkommen recht, nur leider interessiert es niemanden wirklich.
      Das ganze Getue zum Umweltschutz ist widerlich, denn hier werden Dinge gemacht, die ganz sicher nicht die Umwelt schützen. Was hat man auf den Dieselmotor geschimpft, der ja so wahnsinnig umweltschädlich ist – doch genau dieser Motor ist deutlich effizienter als jeder Benzinmotor; Pkw werden immer schwerer und könnten, wenn man es denn wollte, mit 2 Liter Diesel auskommen.
      Aber nein, da werden neuste Benzinmotoren vorgestellt, die ja sowas von Umweltfreundlich sind, das einem schwindelig wird – leider hat man vergessen zu erwähnen, das Benzinmotoren mit elektronischer Einspritzung mehr Schadstoffe herausblasen als jeder Dieselmotor. Das ist im übrigen in einer Studie von TÜV, Dekra und weiteren unabhängigen technischen Institutionen veröffentlicht worden.
      Das ganze Geschwafel um Umweltschutz ist und bleibt hohles Gerede und dient lediglich dazu, in bestimmten Industriezweigen die Gewinne zu maximieren.
      Über den Unsinn Umweltschutz – wie er jetzt betreiben wird – kann man noch sehr viele Beispiel anbringen, doch würde es nicht sehr viel bringen.

      Doch eines ist festzustellen:
      Die Grünen, die sich Umweltschutz auf ihre Fahne geschrieben haben, sollten zukünftig besser nichts machen, denn dann werden wieder einmal Bäume gefällt werden.
      Denken wir an den Ratsherren Sebastian Beer, der mit aller Gewalt die Bäume auf dem Waffenplatz weg haben will. Und dann tut er auch noch so, als wenn er am Umweltschutz interessiert wäre – heuchlerischer gehts doch gar nicht.

  2. Markus
    14. August 2015 um 23.02 — Antworten

    Ganz einfach raus mit dem motorisierten Individualverkehr aus Oldenburg. Freie Fahrt nur für Rettungsdienste, ÖPNV, Lieferverkehr. Individualverkehr nur noch für Elektrofahrzeuge oder mit Bedarfsnachweis (Behinderung etc.). Dann Ausbau des ÖPNV und Oldenburg wird a) sauberer und b) lebenswerter.

    • Michael Reins
      28. August 2015 um 8.55 — Antworten

      @ Marcus

      Haben Sie sich überhaupt schon mal Gedanken gemacht, was das für Konsequenzen hätte?
      Bevor solche „Vorschläge“ aufkommen, sollte man tatsächlich darüber nachdenken.

      • Markus
        29. August 2015 um 20.35 — Antworten

        Konsequenzen? Ja, mehr Platz auf den Strassen, saubere Luft, nicht alles mit Blechkaleschen zugestellt. Platz für mehr Grün, für mehr Fahrräder und Fussgänger. Ich habe meinen eigenen Fossilstinker vor 21 Jahren abgeschafft und ihn seither nicht vermisst. Kurzstrecken (so 15-20km) erledige ich mit dem Rad, ansonsten per ÖPNV. Wenn das nicht passt. Cambio. Kommt aber nur 1-2x im Jahr vor, wenn überhaupt.

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