Geschichte

KZ-ähnliche Zustände in der Psychiatrie in Wehnen

Dr. Ingo Harms stellte das Buch Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus in Wehnen vor.

Dr. Ingo Harms stellte das Buch „Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus“ vor.
Foto: Katrin Zempel-Bley

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Oldenburg/zb – „KZ-ähnliche Zustände haben während des Dritten Reiches in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen geherrscht“, berichtet der Oldenburger Medizinhistoriker Dr. Ingo Harms, der jetzt gemeinsam mit Rolf Keller von der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten das Buch „Forschungen zur Medizin im Nationalsozialismus“ vorgestellt hat. Er ist dem 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und der Beendigung des Zweiten Weltkriegs durch die Alliierten gewidmet.

„Die Menschen, die hier gelebt haben oder besser gesagt die hier vegetieren mussten, waren bis zum Skelett abgemagert und konnten sich kaum auf den Beinen halten. Die Fenster waren vergittert, hier herrschte ein KZ- und Gefängnischarakter“, berichtet Harms und verweist auf einen Aufsatz von Hedwig Thelen, die sich mit Opferbiografien beschäftigt und die Zustände in Wehnen im Landkreis Ammerland beschreibt.

Das Buch basiert auf einer Fachtagung in der Karl-Jaspers-Klinik Wehnen, auf der über neue Erkenntnisse über die NS-Krankenmorde speziell in den Heil- und Pflegeanstalten Wehnen und Lüneburg berichtet wurde. Die Autoren geben aus unterschiedlichen Perspektiven Einblicke in die grausamen Denkmuster, Menschenbilder und Praktiken der Anstalten mit ihren Verantwortlichen, was auch nach dem Krieg weitestgehend folgenlos blieb.

Untersucht werden unter anderem das Hungersterben psychiatrischer Patienten im Ersten Weltkrieg, die Medizinverbrechen im Nationalsozialismus, deren juristische Bewältigung und gesellschaftliche Wahrnehmung bis hin zur Erinnerungskultur und Ethikdiskussion in der Gegenwart. „Während der NS-Herrschaft erfolgte im Bereich der Medizin und Psychiatrie eine Radikalisierung der Behandlung von Kranken und vermeintlich Kranken bis hin zu Zwangssterilisationen und Patientenmord“, berichten die beiden Autoren und Mitherausgeber Harms und Keller.

„Verantwortlich für die Medizinverbrechen waren neben der NS-Führung die Gesundheitsverwaltung, der Ärztestand und auch das Pflegepersonal“, stellen sie klar. Sie weisen darauf hin, dass diese Entwicklung bereits in den Diskursen über das sogenannte „lebensunwerte Leben“ in den Jahrzehnten vor 1933 vorbereitet wurde und fügen hinzu: „Die in ihnen geprägten Denkmuster und Menschenbilder sind bis heute nicht vollständig überwunden.“

Krankenschwestern und ein Pfleger der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen vor dem Hauptgebäude der Klinik um 1943. Im Hintergrund Patienten hinter vergitterten Fenstern.

Krankenschwestern und ein Pfleger der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen vor dem Hauptgebäude der Klinik um 1943. Im Hintergrund Patienten hinter vergitterten Fenstern.
Foto: Privatbesitz

In diesem Zusammenhang weist Harms auf die Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg hin. Von den rund 700 praktizierenden Ärzten im Oldenburger Land durfte rund die Hälfte zunächst nicht mehr praktizieren. „Tatsächlich sind kurze Zeit später alle wieder in Amt und Würden gewesen“, berichtet er weiter und macht auf Theodor Tantzen aufmerksam, der von 1919 bis 1923 Ministerpräsident des Freistaates Oldenburg und ein erklärter Gegner des Nationalsozialismus war. Er wurde von 1945 bis 1946 von den Briten als vorläufiger Ministerpräsident des Freistaates Oldenburg eingesetzt und sprach sich für eine Säuberung unter der Ärzteschaft aus, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. „Schon kurz nach dem Krieg galten sie alle als unbelastet. Die Ärzteschaft blieb somit unbehelligt und praktizierte weiter als wäre nichts gewesen. Eine Strafverfolgung hat nicht stattgefunden“, sagt Harms abschließend.

Der 255 Seiten umfassende Forschungsband enthält 14 Aufsätze, ist im Wallstein Verlag Göttingen, ISBN 978-3-8353-1407-8 erschienen und kostet 29,90 Euro.

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