Oldenburg

Kampf um Oldenburgs historische Gleishalle eröffnet

Sofortmaßnahmen sollen die Sicherheit der Fahrgäste gewährleisten. Befürchtet wird, dass die Bahn die denkmalgeschützte Gleishalle anschließend abreißen will.
Foto: Anja Michaeli

Oldenburg (am/pm) – Der Zustand der denkmalgeschützten Gleishalle des Oldenburger Hauptbahnhofs ist schlecht. Mit Sofortmaßnahmen will die Deutsche Bahn AG (DB) die Sicherheit ihrer Fahrgäste gewährleisten. Nun befürchtet die Stadt Oldenburg, dass die DB die Halle abreißen will und kritisiert das Verhalten der Bahn. Nach Auffassung der Stadt ist die vernachlässigte Unterhaltung Ursache für den schlechten baulichen Zustand der Gleishalle.

„Wir wollen die historische Gleishalle erhalten“, so Oberbürgermeister Krogmann. Bei einem Gespräch mit Vertretern der DB Station & Service AG am vergangenen Mittwoch wurde die Stadt darüber informiert, dass sofort Maßnahmen zur Standsicherheit der Halle eingleitet werden müssten. Dazu gehöre der genehmigungspflichtige Abbau denkmalgeschützter Bestandteile. „Für uns ist die jetzt an den Tag gelegte Eile der Bahn nicht nachvollziehbar“, sagt Oberbürgermeister Jürgen Krogmann. „Die Bahn hat offenbar kein Interesse, die historische Gleishalle zu erhalten. Hier sollen Fakten geschaffen werden, um eine breite Diskussion zu verhindern“, so der OB weiter. Das zeige der angekündigte Zeitplan: Schon im April soll das Planfeststellungsverfahrens zur Variante „Neue Bahnsteigdächer in der Länge der alten Halle“ eingeleitet werden. Dass die Halle nicht erhalten werden kann, will die Deutsche Bahn AG in zwei bis drei Wochen mit entsprechenden Unterlagen untermauern.

„Die Deutsche Bahn AG beabsichtigt, die Gleishalle des Oldenburger Hauptbahnhofs abzubrechen und stattdessen einzelne Bahnsteigdächer auf den drei Mittelbahnsteigen zu errichten“, lehnt die Oldenburgische Landschaft das Unterfangen entschieden ab. „Die Gleishalle des Oldenburger Bahnhofs ist die einzige erhaltene Bahnsteighalle in Niedersachsen. Ihr Verlust würde die bisher vorbildlichen Bemühungen um die denkmalgerechte Instandsetzung des Oldenburger Hauptbahnhofes konterkarieren. Zusammen mit dem Empfangsgebäude und dem Fürstenbau ist die Gleishalle konstitutiver Bestandteil des einmaligen Ensembles ‚Hauptbahnhof Oldenburg‘, dessen überregionale Bedeutung als Denkmal allgemein anerkannt ist.“ Obgleich es sich um ein Baudenkmal handele, seien aus Kostengründen standardisierte Einzelüberdachungen für die Bahnsteige vorgesehen, die keinerlei Bezug auf die historische Konstruktion nehmen. Die Oldenburgische Landschaft vermisst die Prüfung der Möglichkeit, leichtere Materialen zur Entlastung zu verwenden, um das Tragwerk zu erhalten.

Die Vertreter der CDU Oldenburg üben deutliche Kritik am Vorgehen der Bahn. „Es zeigt sich einmal mehr, dass die Bahn die Interessen Oldenburgs nicht ernst nimmt und augenscheinlich alle denkmalpflegerischen Belange ignoriert“, sagten der CDU-Kreisvorsitzende, Michael Eggers, sein Stellvertreter, Christoph Baak, und der CDU-Fraktionsvorsitzende, Olaf Klaukien, übereinstimmend. Der Hauptbahnhof habe nicht nur eine große logistische Wichtigkeit sondern besitze auch eine herausragende städtebauliche Bedeutung für Oldenburg. Der Bahnhof sei eine Visitenkarte der Stadt, Gäste sollten am Bahnhof einen positiven Eindruck der Stadt bekommen. Vor diesem Hintergrund sei die Ankündigung der Bahn ein Schlag ins Gesicht für die Stadt Oldenburg.

„Der von der Bahn vorgesehene zeitnahe Abriss der denkmalgeschützten Gleishalle ist in höchstem Maße als skandalös zu werten!“, so der Vorsitzende der FDP/WFO-Fraktion, Hans-Richard Schwartz. „Die DB hat ganz offensichtlich über Jahre hinweg durch Nichtstun darauf hingearbeitet, die Oldenburger Gleishalle – die einzigartig in ganz Niedersachsen ist – der Baufälligkeit zuzuführen. Dass nun Sofortmaßnahmen zum Abbruch dieses Baudenkmals angekündigt werden, kann nur als Skrupellosigkeit dieses bundeseigenen Unternehmens bewertet werden.“

Die CDU-Abgeordnete Barbara Woltmann kritisiert die Pläne der Bahn, schon Ende März Sofortmaßnahmen einzuleiten „Hier will die Bahn jetzt Fakten schaffen, nachdem jahrelang nichts gemacht wurde“, so die Abgeordnete. „Die denkmalgeschützte Halle sollte erhalten und mit einem neuen Dach – vielleicht sogar mit Photovoltaik – versehen werden.“ Woltmann hat heute mit dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn, Ulrich Bischoping, gesprochen. Dieser habe ihr mitgeteilt, dass nicht daran gedacht sei, Teile des Daches abzumontieren. Vielmehr müssten aus Sicherheitsgründen einige mit Rissen versehene Betonplatten abgenommen werden. Das Planfeststellungsverfahren für die Dachvariantenfestlegung würde im April starten. Dabei ginge es um die Prüfung von drei Varianten: 1. Rekonstruktion des alten Daches durch Neubau, 2. Sanierung des alten Daches, 3. Kompletter Neubau in vereinfachter Form (wie Bahnhofsdach Hannover). Die Bahn gehe offen in das Planfeststellungsverfahren. Ein Vorfestlegung auf eine Variante gebe es nicht.

Auf Nachfrage der OOZ erklärte ein Sprecher der Bahn, dass für einen Nachbau der historischen Halle 18 bis 20 Millionen Euro investiert werden müssten, eine Sanierung würde rund 50 Millionen Euro kosten. „Der Neubau von Bahnsteigdächern liegt bei rund elf Millionen Euro“, so die Bahn. Sofortmaßnahmen wäre wegen der Sicherheit für die Fahrgäste und den Bahnbetrieb notwendig. Unabhängig von den ersten Maßnahmen müssen für den geplanten Bau im Vorwege die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren beim Eisenbahnbundesamt eingereicht werden.

Die historische Gleishalle

In einem gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Baudenkmalpflege der Oldenburgischen Landschaft, Vertretern des Oldenburgischen Architekten- und Ingenieurvereins (AIV-Oldenburg), des Bundes Deutscher Architekten (BDA) und der Architekturabteilung der Jade-Hochschule erarbeiteten Memorandum zeigt die Oldenburgische Landschaft die Bedeutung der Oldenburger Gleishalle ausführlich auf:

„Als bauliches Zeugnis spiegelt der Oldenburger Hauptbahnhof (Hbf) die gesellschaftlichen Zustände seiner vorrepublikanischen Erbauungszeit 1911-15 wider: Mit dem ‚Fürstenbau‘ stand dem Großherzog ein eigenes Empfangsgebäude zu Verfügung. Während das Empfangsgebäude – in Formen des Jugend- und Heimatstils – mit hohem Aufwand zwischen 2000 und 2003 denkmalgerecht instandgesetzt wurde, erfuhr die Gleishalle keine entsprechende Aufmerksamkeit – auch nicht bei der Bauunterhaltung. Dabei ist das stählerne Ingenieurbauwerk zur selben Zeit wie das Empfangsgebäude und der Fürstenbau errichtet worden. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Hauptbahnhofs erklärte die Leiterin des Regionalbereichs Nord bei der DB Station und Service AG: ‚Der Oldenburger Hauptbahnhof […] gilt bis heute als einer der schönsten Bahnhöfe Norddeutschlands‘ und Oberbürgermeister Krogmann stellte bei dieser Gelegenheit fest: ‚Unser Bahnhof ist eine ausgezeichnete Visitenkarte für die Stadt – und gleichzeitig ein spannendes Stück Stadtgeschichte: vom Großherzogtum bis zur Universitätsstadt, von der Dampflok bis zum ICE, von der Tradition zur Moderne.‘

In Deutschland mussten in der Vergangenheit 42 Gleishallen abgebrochen werden – vor allem infolge von Kriegszerstörungen. Hierzu zählen in Norddeutschland die Hallen der Hauptbahnhöfe in Braunschweig, Bremerhaven, Hannover, Magdeburg und Münster sowie die Hallen des Amerikabahnhofs Cuxhaven und des Bahnhofs Husum. Heute gibt es in Deutschland noch 72 Bahnhöfe mit einer Gleishalle, davon liegen 28 an Strecken der S- und U- (Hoch-)bahn in Berlin und Hamburg. Insofern existieren nur noch 44 Fernbahnhöfe mit einer Gleishalle. In der allgemeinen Wahrnehmung markieren Gleishallen häufig den Übergang vom Regionalnetz zum Fernbahnnetz. Von den norddeutschen Fernbahnhöfen haben nur noch Hamburg Hbf und Dammtor sowie Bremen Hbf und Oldenburg Hbf eine historische Gleishalle. In Lübeck wurde die Gleishalle unter Verwendung historischer Elemente erneuert, und in Kiel wurde nach 1999 eine moderne Gleishalle errichtet.

Bei der Oldenburger Halle handelt es sich um eine dreischiffige, genietete Stahlkonstruktion. Deren Rahmen sind als elegante Doppel-T -Profile ausgebildet. Sie bestehen aus Stegblechen mit angenieteten L-Profilen als Ober- und Untergurte. Damit markiert das Bauwerk einen wesentlichen Schritt in der Entwicklung des modernen Stahlbaus und ist ein herausragendes Beispiel frühmoderner Ingenieurbaukunst: Die Rahmen mit Stützen und Trägern sind nicht als Fachwerke mit zahlreichen Einzelstäben ausgeführt, sondern als vollwandige Bauteile. Heute gibt es vergleichbare Konstruktionen, die ganz ähnlich aussehen. Bei ihnen ist das Material allerdings nicht mehr genietet, sondern geschweißt.

Jedes der drei gewölbten Dächer am Oldenburger Hauptbahnhof überspannt stützenfrei einen Mittelbahnsteig, also einen Bahnsteig, der zwischen zwei Gleisen liegt. Die Stützen der dreifeldrigen Stahlrahmen mit den Korbbögen haben ihre Fußpunkte auf den heute funktionslosen, schmalen Gepäckbahnsteigen – unzugänglich für das Publikum, jeweils auf der anderen Seite des Gleises. Die Gestaltung der Halle weist noch eine weitere Besonderheit auf: In ihren Scheitelzonen haben die drei flachen Halbtonnen heute wie vor hundert Jahren eine geschlossene Deckung aus Leichtbetonelementen, während weiter unterhalb eine großzügige Verglasung aus Drahtglas das Tageslicht hereingelassen hat. Mit einem ausreichend breiten Spalt im Dach war dafür gesorgt, dass über den Gleisen Dampf und Ruß der Lokomotiven – und später dann die Abgase der Dieselantriebe nach oben entweichen konnten. Durch eine sinnreiche Anordnung der Drahtglas-Elemente war sichergestellt, dass die Bahnsteige vor Schlagregen geschützt waren.

Im Februar 2013 hat die Deutsche Bahn sämtliche Drahtglasscheiben entfernen lassen. Seitdem bieten die Skelette der glaslosen Rahmen einen traurigen Anblick, aber keinen Wetterschutz.“

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4 Kommentare

  1. Eckehard Lüdke
    26. März 2016 um 13:54 — Antworten

    Die Deutsche Bahn AG ist im Umgang mit Kommunen in der rücksichtslosen Durchsetzung ihrer Interessen sehr erfahren! In Duisburg Hbf ist – nachdem die Deutsche Bahn die wirklich sehr bemerkenswerte Bahnsteigüberdachung hat schlicht und ergreifend verrotten lassen – der Denkmalschutz aufgehoben worden. Nun wird diese sehr regiontypische Anlage abgerissen und durch einen 08/15-Neubau ersetzt werden. Es ist eine Schande, wie dieses Unternehmen, das sich im Staatsbesitz befindet, schalten und waltren kann, wie es will. Ab und an mal ein Vorzeigeprojekt und in der Fläche wird geholzt, daß die Funken fliegen. Wo sind die Politiker und Behörden, die jetzt endlich mal neben all´ den Wortgebilden wirklich die Zähne zeigen ? Auflagen, Strafgelder…..ist die Kommune, ist der Denkmalschutz ein zahnloser Tiger ???
    Handelt endlich und haut diesen Vandalen an den Schreibtischen der DB AG auf die Finger – es ist fünf vor Zwölf!
    Eckehard Lüdke (in Oldenburg aufgewachsen), 47623 Kevelaer (Ndrh)

  2. Markus
    28. März 2016 um 14:21 — Antworten

    Dass die leute unbedingt den alten Schrott um jeden Preis behalten wollen…

    WEG DAMIT!

    • Jörg
      31. März 2016 um 20:39 — Antworten

      @Markus,

      wenn du über 50 Jahre in einer Stadt lebst, ständiges “Weg damit!” in Aktion erlebt hast, die
      damit teilweise unnötige eklatante Veränderung des Stadtbilds in vielen Bereichen rekapitulierst und dann noch die !Nichttätigkeit! in Bezug auf die Erhaltung der Bahnsteigüberdachung einbeziehst, kannst du nicht einfach mit “Das die Leute den alten Schrott … ” argumentieren.

      Es geht auch um fahrlässige Vernachlässigung von bestehender (Orts-) Kultur zugunsten purer “Gewinnoptimierung”.

      Ich würde mir eine Mischung aus Erhaltung und Modernisierung wünschen – sprich den “alten Schrott” zu renovieren plus eine Mischung aus Verglasung und Photovoltaik …

      Nach deiner Argumenation wäre es auch Zeit das Rathaus abzureißen … 😉

      • Markus
        31. März 2016 um 21:37 — Antworten

        Sind schon über 50 Jahre und immer noch steht veralteter Kram dem Fortschritt im Weg.

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