„Tyrannenmord“ – Weltpremiere beim 28. Oldenburger Filmfest
(Achim Neubauer) Das Weserbergland bildet den Einsatzort für die Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz). Als die beiden in Hannover dabei sind, den Staatsbesuch eines umstrittenen Machthabers vorzubereiten, verschwindet der Sohn des Botschafters aus ebendiesem Land aus dem Eliteinternat „Rosenhag“. Kommissar Falke muss nun – unterstützt vom örtlichen Oberkommissar Felix Wacker (Arash Marandi) – in den Kreisen von versnobten Schülern ermitteln. Das ist nicht seine Welt! Die Abneigung gegenüber diesen Leuten bemüht sich der Bundespolizist kaum zu verbergen, macht seine Arbeit, weitgehend unbeeindruckt von äußerem Druck und – so viel darf verraten werden – überführt die Täter. Gleich drei der beteiligten Schauspieler ließen es sich nicht nehmen, am Freitag Abend bei der Weltpremiere in Oldenburg anwesend zu sein. Neben dem Autor, Grimmepreisträger Jochen Bitzer und der Producerin Katinka Seidt, hatten Lo Rivera, Arash Marandi und José Barros den Weg an die Hunte gefunden, um nach der Aufführung über Film und Dreharbeiten zu berichten.
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Die Zeitungsmeldung darüber, dass der nordkoreanische Herrscher Kim Jong-un als Jugendlicher in der Schweiz unter Decknamen ein Internat besucht hatte, gab für Jochen Bitzer den Anstoß für die Entwicklung seines Drehbuchstoffs. Zunächst gar nicht unbedingt als Beitrag für die Reihe Tatort geplant, ergab sich dann die Möglichkeit, nach längerer Zeit wieder mit seinem Schulfreund, dem Regisseur Christoph Stark, ein gemeinsames Projekt zu gestalten.
Auf besondere Produktionsbedingungen wiesen Seidt und die Schauspieler:innen hin. Die 22 Tage der Drehzeit lagen im November 2020 und endeten unmittelbar vor dem zweiten Lockdown. Mit großem Aufwand wurde das ganze Team engmaschig getestet und gemeinsam in einem Hotel in Holzminden untergebracht. Auch der Hauptdrehort, das Internat Solling, wo während der Schulzeit gedreht werden konnte, war weitgehend abgeschirmt. Auch wenn, oder gerade weil es „in Holzminden kein Nachtleben“ (Seidt) gab, haben crew und cast die Abgeschiedenheit genutzt, einen ganz stimmigen Film zu erstellen.
Neben Wotan Wilke Möhring kann dabei vor allem Arash Marandi reüssieren, der der Darstellung des Schutzpolizisten eine ganz feine Würde verleiht. Seine Träume von Kariere in der großen Stadt erden sich für Felix Wacker (was für ein Rollenname!) in der Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Bundespolizisten Falke dann doch im Weserbergland. José Barros, der den Bodyguard des verschwundenen Schülers mimt, entfaltet nicht nur physisch große Wucht, sondern vermag es eben auch zurückgenommen und still in seiner Rolle eigenes Scheitern zu reflektieren. Großartige Spielfreude ist schließlich auch Lo Rivera abzuspüren, die ihre pure Lust daran hat, als Sicherheitschefin eines autoritären Staates der deutschen Polizei Grenzen aufzuzeigen.
Natürlich – und darauf wies Autor Jochen Bitzer in seinem Beitrag hin – ist es für die Drehbuchschreiber von Tatorten der NDR-Bundespolizisten jedes Mal schwierig, ein Thema zu finden, dass den Protagonisten glaubwürdig eine neue Aufgabe überträgt. „Tyrannenmord“ versucht gar nicht erst, zu erklären warum Falke und Grosz (die in diesem Tatort nur eine Nebenrolle bekleidet) nun auf einmal in Hannover eingesetzt sind. Das sorgfältig ausgearbeitete Drehbuch konzentriert sich auf einen sauberen dramaturgischen Aufbau und kann damit überzeugen. Eine kluge Entscheidung, die allemal angemessener ist, als der Versuch über persönliche Verstrickungen (zuletzt: Tödliche Flut) Zusammenhänge zu konstruieren, die fragwürdig bleiben.
Ausgestrahlt werden soll „Tyrannenmord“ Anfang 2022; mit Stand August war der 16. Januar geplant.
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