Oldenburg/zb – Er kann auch anders als schmallippig. Gut aufgelegt betrat SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gemeinsam mit den drei Bundestagskandidaten Dennis Rohde, Susanne Mittag und Karin Evers Meyer vier Tage vor der Bundestagswahl das eigens auf dem Oldenburger Schlossplatz aufgebaute offene Zirkuszelt und begeisterte die rund 5000 Zuschauer. Umgekehrt gestand er, von dem Menschenandrang beeindruckt zu sein.
So hätten ihn sich seine Anhänger im Fernsehduell gewünscht. Nicht schmallippig und streng drein schauend, sondern fröhlich, gut gelaunt, locker, die ein oder andere Anekdote auf Lager, mit seiner gekonnten Rhetorik und großer Verbundenheit mit seinen Zuhörern. Die forderte er beim ersten Regenguss nach gut 15 Minuten auf, ihm auf die Pelle zu rücken. „Jetzt ist es direkt familiär hier“, fand er und legte gleich mit einer Überraschung los.
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„Das waren noch Zeiten, als ich den Sand von Bümmerstede aß“, erzählte er und verriet, in Oldenburg als Soldat gedient zu haben. „Hier bin ich auch in die SPD eingetreten. Und dann habe ich noch das Lazarett von Bad Zwischenahn kennengelernt, nachdem ich mir in Oldenburg den Fuß gebrochen habe.“ Riesen Gelächter, aber dann legte er los. „Ich will mit ihnen in einen inhaltlichen Dialog eintreten, keine langweilige Rede halten.“ Das kam an. Fahnen wurden geschwenkt und Fragen aus dem Publikum eingesammelt.
Es ging um Europa und Steinbrück erinnerte daran, „dass die USA aber auch Europa nach der Nazi-Diktatur Deutschland die Hand gereicht und uns geholfen haben. Jetzt sind wir in der Verantwortung und haben nicht das Recht, Griechenland oder Portugal kaputt zu sparen.“ Er forderte einen Marshallplan für die südeuropäischen Länder und härtere Bandagen für jene Großbanken, „die die Eurokrise maßgeblich mit zu verantworten haben, weil sie sich verzockt haben. Es muss ein Bankenfonds zur Rettung von Banken her, in den allein Banken einzahlen und nicht die Steuerzahler als die Dummen“, lautet seine Forderung.
Er sprach sich für flächendeckende Mindestlöhne aus, für eine bessere Pflege im Alter, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld für die Pflegekräfte, setzte sich für eine kostenlose Ausbildung für alle ein, will kommunale Förderprogramme auflegen für altersgerechte Wohnungen und für günstigen Wohnraum für Menschen mit kleinen Einkommen. Sollte er Bundeskanzler werden, wird es einen gerechteren Ausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden geben. „Es muss nach Bedürftigkeitskriterien gehen und nicht nach Himmelsrichtungen“, stellte er klar.
Zugleich warnte er vor einem akademisierten Land. „Selbstverständlich brauchen wir gute Hochschulen aber ebenso gute Fachkräfte.“ Er kritisierte das „desaströse Management der Kanzlerin“ bezüglich der Energiekrise und stellte die Frage, was dagegen spricht, wenn fünf Prozent der Bevölkerung mehr Steuern zahlen sollen. „Ich habe nicht vor, Fernseher und Rasierapparate zu verstaatlichen und Bürger auszuplündern“, sagte er mit Blick auf die Panikmache seitens der politischen Konkurrenz. 49 Prozent ist seine Vorstellung vom Spitzensteuersatz. Während der Kohlregierung habe er bei 52 Prozent gelegen.
Als Kanzler würde er Kapitaleinkünfte stärker besteuern und dafür sorgen, dass Bürger nicht länger von der NSA ausspioniert werden. Kritik übte er an der Bundeswehr, die eine Pendlerarmee geworden sei. Und schließlich erinnerte er daran, dass die Bürger jedes Jahr zehn Milliarden Euro aufbringen müssen, um die Löhne und Gehälter von gering Verdienenden aufzustocken. „Die arbeiten 40 Stunden und können davon nicht leben. Wir alle, die Steuern zahlen, sorgen dafür, dass ihr Einkommen aufgestockt wird und nicht die Arbeitgeber. Das kann so nicht bleiben“, erklärte er unter großem Beifall.
Schließlich sprach er noch von den vielen „Pappschachteln mit den Etiketten Energiewende, Rentenreform, Jahr der Pflege, Steuerreform, die die Bundeskanzlerin in ihr Schaufenster stellt. Wenn sie reingucken, sind sie leer.“ Für Steinbrück ist klar, „Deutschland hat genug vom Kreisverkehr, Deutschland braucht eine Richtung. Ich habe eine Vorstellung von diesem Land, dafür würde ich gern arbeiten.“ Ginge es nach den 5000 Zuhörern in Oldenburg, hätte er den Job.
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